Alte oder neue Übersetzung?

Das Lied von Eis und Feuer

Die Neuausgabe von George R. R. Martins Fantasy-Zyklus Das Lied von Eis und Feuer hat unter den Fans eine heftige Debatte ausgelöst. Die schöne Aufmachung – Klappenbroschur mit den Wappen der großen Familien – wird noch durchgehend gelobt. Stein des Anstoßes ist die "vollständig durchgesehene und überarbeitete" Übersetzung.

Manchem mag das bekannt vorkommen. Im Jahr 1997 wurde die alte Übersetzung von Jörn Ingwersen heftig kritisiert. Sie brach (aus Gründen, über die der Leser nur spekulieren konnte) mit einem der Prinzipien der Fantasy-Übersetzung: Spielt ein Roman in einer anderen Welt und überträgt der Autor Sprache und sprechende Namen der Personen und Orte in die Erzählsprache, dann macht der Übersetzer das gleiche. So wird Frodo Baggins (der sich selbst in seiner eigenen Sprache Labingi nennt) zu Frodo Beutlin. Spielt der Roman jedoch in unserer Welt, dann ändert sich nichts. Harry Potter ist Engländer und wuchs in London auf. Es gibt keinen Grund ihn zum Harald Töpfer zu machen. Selbstverständlich darf er seinen englischen Namen behalten.

Das Lied von Eis und Feuer spielt zweifellos in einer anderen Welt, aber in der alten Übersetzung heißen die Menschen "Jon Snow" und "Littlefinger", die Orte "Eastwatch by the Sea" und "King's Landing". Durchgehend werden die englischen Bezeichnungen aber auch nicht verwendet. So kann man bei klarem Wetter von der englischen "Bear Island" bis zum deutschen "Wolfswald" sehen. Und die "Old Nan" erschreckt Kinder mit Geschichten von "Aegon dem Eroberer".
Mit der Neuausgabe hat der Verlag die Notbremse gezogen und einem der besten Fantasy-Zyklen endlich eine lesbare Übersetzung ohne Stolperfallen geschenkt.

Die aktuelle Diskussion unter den Fans kann man hier nachverfolgen: im Forum der Bibliotheka Fantastika und im Eis-und Feuer-Forum.

George R. R. Martin:
Das Lied von Eis und Feuer